KI in der Finanzplanung:
Die Antwort ist nur so gut wie die Frage.
11. September 2026 auf Magazin | Hegers Finanzen GmbH
Die KI hat in Sekunden eine Antwort.
Die Frage ist, ob die Frage die richtige war.
Wir haben es selbst ausprobiert. Eine typische Ausgangslage — Mitte vierzig, ein Depot, eine ältere Lebensversicherung mit rund drei Prozent Verzinsung, noch dreißig Jahre bis zum Ruhestand — und die Frage an die KI: „Was soll ich tun?“
Die Antwort kam sofort: Versicherung kündigen, Kosten senken, alles in einen breiten Aktienfonds. Sauber begründet, jeder Satz für sich richtig. Und am Ende trotzdem ein schlechter Rat — nicht weil die KI etwas Falsches wusste, sondern weil ihr niemand gesagt hatte, wozu die Versicherung da ist.
Im August hat die Universität Bayreuth eine Studie veröffentlicht, die genau in diese Lücke trifft: KI-Empfehlungen lenken Anlageentscheidungen stärker als menschliche Berater — bei guten Empfehlungen ebenso wie bei schlechten.1
Wir arbeiten seit einigen Jahren intensiv mit KI und möchten der Studie eine Beobachtung aus der Praxis an die Seite stellen.
Die Studie beantwortet die Frage, wem die KI gehört. Genauso wichtig ist, wie tief die Frage geht.
Was die Universität Bayreuth gemessen hat.
3.700 Teilnehmende sollten einen Fondssparplan einrichten. Zwei Anbieter, derselbe Index, unterschiedliche Gebühren: Einer war objektiv günstiger, aber das war nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Ein Teil bekam keine Beratung, andere eine neutrale KI, eine „Bank-KI“ mit offengelegtem Interessenkonflikt oder einen menschlichen Berater, jeweils mit korrekter oder mit verzerrter Empfehlung.
Das Ergebnis: Die KI verschob die Entscheidung stärker als der menschliche Berater, nach oben wie nach unten.
Mit einer guten KI-Empfehlung wählten fast neun von zehn den besseren Anbieter, mit einer verzerrten nur noch jeder Dritte.
Der zweite Blick ist der interessantere. Wer wenig Erfahrung mitbrachte, profitierte am stärksten von einer guten Empfehlung. Wer viel Erfahrung mitbrachte und ohne Hilfe fast immer richtig lag, ließ sich von einer verzerrten Empfehlung trotzdem in jedem zweiten Fall vom richtigen Weg abbringen. Die KI brachte also gerade die Menschen von ihrer Entscheidung ab, die vom Gespür her schon richtig lagen.
Die erste Frage an jede KI-Empfehlung lautet deshalb: Wer betreibt das Werkzeug, welches Ziel wurde ihm vorgegeben, und wer verdient daran? Ein offengelegter Interessenkonflikt ändert daran wenig. Man folgt der Empfehlung trotzdem.
Was die Studie nicht messen konnte: die Tiefe.
In Bayreuth gab es eine Frage, zwei Anbieter und eine richtige Antwort. Eine Finanzplanung hat keine dieser drei Eigenschaften. Sie besteht aus Dutzenden Fragen, von denen die wichtigsten am Anfang noch gar nicht bekannt sind, und aus Antworten, die nur im Zusammenhang richtig sind.
Das ist unsere zentrale Erfahrung mit KI: Sie beantwortet die Frage, die man ihr stellt. Wer aus zwanzig Jahren Beratung weiß, wo die Schmerzpunkte liegen, stellt die richtige Frage und bekommt in Sekunden, wofür früher ein Nachmittag nötig war. Wer diese Erfahrung nicht hat, bekommt das, was im Netz am häufigsten steht. Und das sind — mit Abstand — die Kosten.
Kosten sind wichtig. Aber sie sind die am leichtesten zu findende Antwort, nicht die vollständige. Ab einer gewissen Tiefe wird Finanzberatung zu Finanzmathematik, zu Sozialversicherungs- und Steuerrecht: für jedes einzelne Produkt im Bestand und für jedes Szenario der Finanzplanung. Diese Tiefe erreicht die KI durchaus. Nur führt sie niemanden von allein dorthin.
Zurück zur Police vom Anfang.
Die Ausgangslage noch einmal: eine ältere Lebensversicherung, rund drei Prozent Verzinsung, dreißig Jahre bis zum Ruhestand. Die Frage an die KI: behalten oder kündigen?
Kündigen. Drei Prozent sind für dreißig Jahre Altersvorsorge zu wenig. Ein breiter Aktienfonds bringt langfristig deutlich mehr.
Die Police ist die Reserve. Sie ist nicht von heute auf morgen verfügbar, aber innerhalb weniger Wochen auf dem Konto, unabhängig davon, wo die Börse gerade steht.
Beide Aussagen stimmen. Als Altersvorsorge ist die Police zu schwach, als Rücklage ist sie ideal. Ob sie bleibt, entscheidet nicht die Verzinsung, sondern die Aufgabe, die sie im Gesamtbild hat. Diese Aufgabe kennt die KI nur, wenn man sie nennt. Und man nennt sie nur, wenn man weiß, dass sie eine Rolle spielt.
Wenn es ehrlich wird, steigen viele aus.
Es gibt eine zweite Wirkung, die in der Bayreuther Studie nicht vorkommt, weil dort jede Frage eine kurze Antwort hatte. Sobald eine KI wirklich in die Tiefe geht — Steuern, Sozialversicherung, die Auszahlungsphase und ihr Renditereihenfolgerisiko, Absicherung gegen Berufsunfähigkeit oder Arbeitsplatzverlust während der Sparphase —, wird die Antwort lang und schwer. Und dann passiert etwas Menschliches: Die Leute hören auf. Nicht, weil die Antwort falsch wäre, sondern weil sie zu kompliziert erscheint.
Die einfache Antwort führt zur Entscheidung — aber nicht immer zur richtigen. Die vollständige Antwort wäre richtig — führt aber häufig zu keiner Entscheidung. Dieses Dilemma ist älter als jede KI. Neu ist nur, dass die einfache Antwort heute jederzeit und kostenlos verfügbar ist.
Wir sehen darin trotzdem vor allem einen Gewinn für Anleger. Zum ersten Mal lässt sich zu jeder Aussage eines Profis in Minuten eine zweite Meinung einholen. Das macht Beratung transparenter, und das ist fair, auch uns gegenüber. Die Komplexität verschwindet dadurch nicht. Aber niemand muss sie allein tragen.
Wie wir KI nutzen.
Wir sind keine Skeptiker. KI ist für unsere Arbeit ein Werkzeug, das es so noch nie gab: Studien lassen sich in Minuten auswerten, Datenreihen vergleichen, und vor allem lässt sich mit ihr über ein Planungsmodell diskutieren, bis es steht. Was wir ihr nicht überlassen, ist das Rechnen. Eine KI kommt bei derselben Aufgabe immer wieder auf anderen Wegen ans Ziel, mal robust, mal abwegig. Das haben wir in unseren Versuchen deutlich gesehen. Ergebnisse, die sich nicht wiederholen lassen, sind in der Finanzplanung wertlos, weil sie nicht vergleichbar sind.
Deshalb ist die Arbeitsteilung bei uns klar: Mit der KI wird das Modell entworfen und diskutiert, bis zum Exzess, wenn es sein muss. Gerechnet wird anschließend mit Finanzmathematik in eigener Software, deterministisch und jedes Mal gleich. Die KI hilft beim Denken. Die Maschine rechnet.
So entsteht keine Beratung aus der Maschine, sondern die Infrastruktur dafür: Modelle und eigene Planungssoftware, die sämtliche Zahlungsströme eines Mandanten in den Zusammenhang mit seinem Portfolio setzen, also Einkommen, Ausgaben, Verträge, Risiken, Ruhestand, und die unsere Überlegungen festhalten, mit Datum, Begründung und Annahmen. Eine Entscheidung, die heute richtig ist, kann morgen anders ausfallen, weil sich ein Leben ändert. Dann bleibt nachvollziehbar, warum sie damals so getroffen wurde und was sich seither verschoben hat.
Eine Konsequenz aus der Bayreuther Frage nach den Interessen hinter einer KI ist technischer Natur. Wo Verträge, Zahlen und Lebenssituationen von Mandanten verarbeitet werden, laufen die Modelle bei uns lokal auf eigenen Systemen, nicht in der Cloud eines Anbieters. Das ist aufwendiger. Aber Daten, die ein Haus nicht verlassen, können auch kein fremdes Geschäftsmodell füttern.
Das Ziel ist unverändert: Planungsmodelle, die plausibel sind und den Launen des Kapitalmarkts standhalten, und ein Weg, der zum Ziel führt, ohne dass jemand unterwegs aussteigt. Kunden sollen gelassen schlafen können. Nicht, weil alles einfach wäre, sondern weil jemand die Komplexität für sie im Griff hat.
Wofür sich KI heute schon eignet, und wo Vorsicht geboten ist.
Begriffe verstehen. Ertragsanteil, Teilfreistellung, Sondervermögen: Was in den eigenen Unterlagen steht, lässt sich in Minuten erklären.
Eine einzelne Aussage einordnen. Zu einem konkreten Punkt eine zweite Meinung einholen und sie ins Gespräch mitbringen: Das ist fair und macht die Beratung besser.
Größenordnungen prüfen. Was eine Sparrate über dreißig Jahre ergibt, was ein Prozentpunkt Kosten ausmacht: Für solche Überschlagsrechnungen ist KI verlässlich.
„Hier ist mein Ordner — sag mir, was ich tun soll.“ Die KI kennt weder den Zweck der Verträge noch die Ziele oder die Menschen, für die jemand Verantwortung trägt. Die Antwort wird plausibel klingen. Das ist das Problem. Und die Unterlagen liegen danach bei einem Anbieter, dessen Umgang damit niemand kontrolliert.
Kündigen oder umschichten auf Zuruf. Jede Empfehlung, die eine bestehende Lösung beendet, braucht den zweiten Satz: Was geht dabei verloren, und wofür war die Lösung da?
Antworten ohne Nebenwirkungen. Wenn eine Empfehlung keine Bedingung, keinen Nachteil und kein „es kommt darauf an“ enthält, fehlt in der Regel etwas.
Die Studie aus Bayreuth hat gezeigt, dass Menschen einer KI stärker folgen als einem Berater. Das ist kein Argument gegen das Werkzeug, sondern eines für die richtige Arbeitsteilung: Die KI hilft, besser zu fragen. Die Antworten einordnen kann nur, wer das Gesamtbild kennt.
Dieser Artikel stammt von:
Christian Hegers
Geschäftsführender Gesellschafter"Eine KI beantwortet die Fragen, die Sie stellen. Beratung beginnt bei der Frage, von der Sie noch gar nicht wussten, dass Sie sie haben."
Quellen
- Universität Bayreuth, Pressemitteilung Nr. 064/2026 vom 25. August 2026: „Wie KI Finanzentscheidungen beeinflusst“. Studie am Lehrstuhl für International Competition Policy (Prof. Dr. Fabian Herweg, Joshua Greubel, Henrik Guhling), veröffentlicht als CESifo Working Paper 2026: „AI Persuasion and Financial-Decision Making: Experimental Evidence on Dominated Investment Choices“. Berichtet unter anderem in AssCompact vom 10. September 2026.
Hinweis: Die Beispiele sind stilisiert und beziehen sich nicht auf einen konkreten Beratungsfall. Der Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar.