Magazin — Konzentrierte Portfolios und Finanzplanung

Der zweite Blick: Wenn die ‚besten‘ Aktien zum Problem werden

11. Mai 2026 auf Magazin | Hegers Finanzen GmbH

Manchmal ist die richtige Aktie noch nicht der richtige Plan.

Vor ein paar Wochen saß ein Mandant uns gegenüber. Sein Depot: zehn Qualitätsaktien. Alle profitabel. Alle namhaft. Sorgfältig ausgewählt vor zwölf Jahren, kaum verändert seitdem — auf dem Papier eine vorbildliche Strategie.

Als wir die Auswertung auf den Tisch legten, war sein erster Satz: „Ich habe doch alles richtig gemacht. Warum hat mein Nachbar am Ende mehr?“

Eine Frage, die wir oft hören. Und auf die es eine unbequeme Antwort gibt: Nicht weil die ausgewählten Unternehmen schlecht waren — sie waren tatsächlich exzellent. Sondern weil eine Investmentstrategie mehr ist, als die richtigen Aktien zu kaufen. Es geht um Volatilität, Steuern, Rebalancing und vor allem darum, wie sich das alles über Jahrzehnte verhält.

Was vor 25 Jahren „die besten“ Aktien Europas waren.

Wer im März 2000 die fünf wertvollsten europäischen Telekommunikationswerte ins Depot gelegt hätte — Vodafone, Nokia, Deutsche Telekom, France Telecom und Mannesmann —, hätte bis heute im Schnitt rund 85 Prozent seines Einsatzes verloren.1 Mannesmann existiert seit Februar 2000 nicht mehr als eigenständige Aktie. Vodafone, damals die wertvollste Aktie Europas mit rund 350 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung, ist heute weniger als 25 Milliarden wert.

Niemand wusste das vorher. Im Frühjahr 2000 erschien diese Auswahl wie das genaue Gegenteil eines Risikos: die größten, profitabelsten, am stärksten gewachsenen Unternehmen Europas — Aktien, die jeder im Depot haben wollte. 25 Jahre später sind sie ein Lehrstück.

Kursverlust der fünf wertvollsten europäischen Telekommunikationswerte seit März 2000 Horizontale Balken wachsen vom Null-Prozent-Anker rechts nach links und zeigen den Kursverlust pro Wert seit dem Höchststand im März 2000 bis 2026 — Vodafone, Mannesmann (über Vodafone-Tausch) und Nokia jeweils –90 %, France Telecom (heute Orange) –95 %, Deutsche Telekom –65 %. Durchschnitt rund –85 Prozent. KURSVERLUST SEIT MÄRZ 2000 Die fünf wertvollsten Telekommunikationswerte Europas am Höhepunkt der Dotcom-Blase –100 % 0 % Vodafone –90 % Mannesmann über Vodafone-Tausch 02/2000 –90 % Nokia –90 % France Telecom heute Orange –95 % Deutsche Telekom –65 % Ø rund –85 % Durchschnitt (gleichgewichtet, ohne Dividenden)
Eigene Darstellung auf Basis von Kursdaten 03/2000 und 05/2026 sowie der in Fußnote 1 genannten Quellen. Kursverlust gemessen am jeweiligen Höchststand März 2000 gegenüber dem Stand 2026. Mannesmann-Aktionär:innen wurden im Februar 2000 in Vodafone-Aktien getauscht; gerechnet wird mit der Vodafone-Entwicklung seit dem Tausch.

Drei Mechanismen, die in der Praxis durchschlagen.

1. Schwankungen kosten Rendite — mehr, als der Durchschnitt zeigt.

Wer wenige Positionen hält, hat höhere Schwankungen. Das ist intuitiv klar. Was nicht intuitiv ist: Höhere Schwankungen reduzieren die tatsächlich realisierbare Rendite — selbst bei identischer Durchschnittsrendite. Wer in einem Jahr 50 % verliert und im nächsten 50 % gewinnt, hat im Mittel 0 % Rendite, tatsächlich aber 25 % verloren.

Bei einem 500.000-€-Depot heißt 30 % Volatilität, dass Sie statistisch in jedem dritten Jahr Buchverluste von 100.000 € oder mehr sehen — ohne dass etwas schiefläuft. In unseren Simulationen liegen konzentrierte Portfolios bei 25 bis 35 % Volatilität, ein breites Marktportfolio bei 15 bis 18 %. Selbst eine etwas höhere Durchschnittsrendite des konzentrierten Depots wird durch die zusätzlichen Schwankungen meist vollständig aufgefressen.

2. Der Wartungs-Container.

Innerhalb eines breit aufgestellten Fondsvehikels — sei es ein klassischer Indexfonds oder ein Assetklassenfonds — passiert das Rebalancing zwischen Positionen steuerneutral. Bei direkt gehaltenen Einzelaktien löst jede Anpassung sofort Steuern aus. Über lange Anlagezeiträume ist das der robusteste steuerliche Hebel — wichtiger als die viel diskutierte 30 %ige Teilfreistellung, deren echter Netto-Vorteil bei 0,3 bis 0,5 Prozentpunkten pro Jahr liegt.

In der Theorie ließe sich der Vorteil neutralisieren, wenn man Einzelaktien strikt buy-and-hold hielte. In der Praxis hält kaum jemand ein Portfolio 30 Jahre lang ohne jede Anpassung — Unternehmen werden übernommen, gehen pleite, fallen aus der Auswahl. Spätestens dann schlägt die Steuer zu.

3. Klumpenrisiko — mit Namen.

„Top-Listen“ sind selten zehn unabhängige Wetten. Die größten Aktien stammen fast immer aus wenigen Branchen oder Regionen — wie die fünf Telekommunikationswerte oben aus der Jahrtausendwende. Im Jahr 2007 beherrschte Nokia mit rund 50 Prozent Marktanteil den globalen Smartphone-Markt. 2018 verdrängte Wirecard die Commerzbank im DAX. Heute ist Nokia praktisch raus aus dem Mobilfunkgeschäft, und Wirecard ist Synonym für den größten Bilanzbetrug der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Hendrik Bessembinder2 hat das mathematisch belegt: Über fast 100 Jahre US-Aktienmarkt waren rund 4 Prozent aller Aktien für die gesamte Netto-Wertschöpfung der Börse verantwortlich. Anders gesagt: 96 von 100 Aktien haben nicht einmal die Rendite einer einfachen Geldmarktanlage geschlagen. Wer aus diesen 96 zufällig auswählt — und das tun selbst erfahrene Anleger zu einem hohen Anteil —, liegt strukturell zurück.

Und Warren Buffett? Buffett konzentriert mit 60 Jahren operativer Erfahrung, Vollzeit-Research, Holdinginsight in seine Beteiligungen und einem Eigenkapital, mit dem er Krisen überdauern kann, ohne verkaufen zu müssen. Drei Bedingungen, die kaum ein privater Anleger erfüllt. Wer ohne sie konzentriert, kopiert nicht Buffetts Strategie — nur ihren Anschein.

Endwert oder Erfolgsquote? Die entscheidende Unterscheidung.

Wer Geld anlegt, um ein konkretes Ziel zu erreichen — Ruhestand, Studium der Kinder, frühe Berufspause — hat einen anderen Anspruch als jemand, der nur Vermögen mehren will. Der Plan muss aufgehen. Nicht im Durchschnitt, sondern in einem hohen Anteil der möglichen Marktentwicklungen.

In unseren Simulationen zeigt sich ein konsistentes Muster: Konzentrierte Portfolios haben oft einen höheren erwarteten Endwert (Mean) — aber einen niedrigeren Median. Übersetzt: Im Mittel sehen sie gut aus, weil einige wenige Pfade extrem gut laufen. Im wahrscheinlichsten Pfad liegen sie hinten.

Hinzu kommt das Reihenfolgerisiko (engl. Sequence-of-Returns-Risk): Für den Erfolg eines Plans zählt nicht nur die Durchschnittsrendite, sondern auch die Reihenfolge der guten und schlechten Jahre. Wer am Anfang der Entnahmephase eine Krise erwischt, kann das später kaum aufholen. Bei konzentrierten Depots ist dieses Risiko deutlich größer, weil schlechte Jahre tiefer ausfallen.

Die Strategie, die den höchsten Erwartungswert hat, ist selten die, die zur besten Erfolgsquote führt.

Anna und Tom — zwei Wege über 30 Jahre.

Stellen Sie sich zwei Sparer vor. Anna ist 35, Tom auch. Beide haben 200.000 € Startkapital, beide sparen 1.500 € im Monat, beide wollen mit 65 in den Ruhestand und dann vom Vermögen leben. Der einzige Unterschied ist die Anlagestrategie.

Anna
Marktportfolio

Rund 2.000 Aktien aus aller Welt, internes Rebalancing, evidenzbasiert.

Tom
10 Qualitätsaktien

Sorgfältig ausgewählt, mit klarer Überzeugung, vereinzelt nachjustiert.

10.000 simulierte Marktverläufe später: Im Mittel hat Tom ein höheres Endvermögen, im Median liegen beide gleichauf. In dem Viertel der Pfade, in denen die Welt unfreundlich ist — eine schwere Rezession um sein 60. Lebensjahr, ein zähes Bärenmarkt-Jahrzehnt zwischen 65 und 75 — geht Toms Plan in etwa jedem dritten Fall vor seinem 85. Geburtstag nicht mehr auf. Annas in etwa jedem zehnten.

Wenn Tom mit 65 in den Ruhestand geht und Pech mit dem Timing hat, sieht er das fünfte Ruhestandsjahr aus einer rund 30 % kleineren Position. Anna sieht in vergleichbarer Lage minus 18 %. Der Unterschied entscheidet darüber, ob die letzten 15 Lebensjahre entspannt sind — oder nicht.

Vermögenspfade Anna versus Tom über 30 Jahre Zwei stilisierte Vermögenspfade über 30 Jahre, gestartet bei 200.000 Euro im Alter von 35. Anna mit breit gestreutem Marktportfolio: schmales grünes Band. Tom mit zehn Qualitätsaktien: breites rotes Band, das oben und unten deutlich über Annas Spanne hinausgeht. Beide Medianpfade enden auf etwa demselben Niveau. SIMULIERTE VERMÖGENSPFADE ÜBER 30 JAHRE Bandbreite der mittleren 50 Prozent · Anna mit Marktportfolio · Tom mit zehn Qualitätsaktien Vermögen Start Tom · oberes Quartil Anna · oberes Quartil Median (beide gleichauf) Anna · unteres Quartil Tom · unteres Quartil 35 45 55 65 Alter In den unteren 25 % bleibt Tom deutlich hinter Anna zurück — genau dort, wo der Plan greifen muss.
Stilisierte Darstellung auf Basis unserer Monte-Carlo-Simulationen über 10.000 Marktverläufe. Bandbreite = mittlere 50 Prozent der Endwerte (25. bis 75. Perzentil). Keine Prognose für einen konkreten Anlagefall.

Die Rechnung ist stilisiert, aber sie spiegelt, was wir in echten Beratungssituationen sehen: Konzentrierte Portfolios können beeindruckende Endwerte erreichen. In den Pfaden, die für einen Plan zählen, verlieren sie strukturell.

Was das für unsere Beratung bedeutet.

In der Finanzplanung für unsere Mandanten setzen wir auf evidenzbasiertes Investieren: ein breit diversifiziertes Marktportfolio, dessen Konstruktion sich an der Kapitalmarktforschung orientiert — nicht an Prognosen. Als Vehikel nutzen wir je nach Mandat sowohl klassische Indexfonds als auch Assetklassenfonds, die wissenschaftliche Erkenntnisse (Marktbreite, Faktorprämien, niedrige Kosten) systematisch umsetzen.

Wir rechnen das für jeden Mandanten konkret durch — mit echten Cashflows, individuellen Steuern, Lebensphasen und Zielen. Was dabei immer wieder herauskommt: Die Strategie mit dem höchsten Erwartungswert ist selten die mit der besten Erfolgsquote.

Wer einen Plan hat, sollte mit einer Strategie investieren, die zu diesem Plan passt. Konzentration mag spannender wirken — aber Finanzplanung darf nicht spannend sein. Sie muss funktionieren.


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Fußnoten

  1. Vodafone: Peak-Marktkapitalisierung rund 350 Mrd. USD, heute < 25 Mrd. Mannesmann: am 4. Februar 2000 von Vodafone für 190 Mrd. USD übernommen, größte feindliche Übernahme der Wirtschaftsgeschichte. Deutsche Telekom: T-Aktie Höchststand 103,50 € im März 2000, innerhalb weniger Monate unter 20 €. Nokia: Peak-Marktkapitalisierung > 200 Mrd. USD, heute rund 25 Mrd. France Telecom (heute Orange): Peak > 175 Mrd. USD, heute rund 95 % unter Peak. Quellen: Rupak Ghose, „A telecoms bubble or a tech bubble?“, Substack, 11.03.2025; Erste Asset Management, „20th anniversary of the dot-com bubble“, 11.03.2020.
  2. Bessembinder, H. (2018): „Do Stocks Outperform Treasury Bills?“, Journal of Financial Economics 129(3), 440–457. Empirische Untersuchung aller US-Aktien 1926–2016.

Christian Hegers, Geschäftsführender Gesellschafter von Hegers Finanzen

Dieser Artikel stammt von:

Christian Hegers

Geschäftsführender Gesellschafter

"Unsere Aufgabe ist nicht, das spannendste Depot zu bauen, sondern das, das zu Ihrem Plan passt. Evidenzbasiert investieren heißt: bewusst auf Wetten verzichten — und stattdessen die Wahrscheinlichkeit auf seine Seite holen."

Quellen & Grundlagen

Eigene Monte-Carlo-Simulationen im Rahmen von Beratungsmandaten der Hegers Finanzen GmbH, Stand 05/2026 · § 20 InvStG (Teilfreistellung) · § 18 InvStG (Vorabpauschale) · Markowitz, H. (1952): „Portfolio Selection“, Journal of Finance · Fama, E. / French, K. (1992 ff.): Faktormodelle · Bessembinder, H. (2018): „Do Stocks Outperform Treasury Bills?“, JFE 129(3), 440–457 · S&P Dow Jones Indices: SPIVA Europe Scorecard, 2024 · Rupak Ghose: „A telecoms bubble or a tech bubble?“, Substack, 11.03.2025 · Erste Asset Management: „20th anniversary of the dot-com bubble“, 11.03.2020.